Kung-Fu-Monika

Monika war schon lange hier. Vielleicht sogar schon die Hälfte ihres Lebens, obwohl es den Laden erst seit drei Jahren hier gibt. Monika stand auf der anderen Seite des Fließbands mir schräg gegenüber. Ich war neu hier und merkte schon wie ich psychisch langsam abbaute. Am Anfang drehen sich ja noch die Gedanken und man fängt an über alles Mögliche und Unmögliche nachzudenken. Über den bisherigen Verlauf des eigenen Lebens zum Beispiel WasWäreWenn-Geschichten. Was bereut man, was hätte man gerne anders gemacht. Was wäre einem lieber ein amputiertes Bein oder doch lieber Gleichgewichtsprobleme, weil das Innenohr nicht mehr funktioniert. Das übliche eben. und dann irgendwann kommt die Zeit in der man gar nicht mehr denkt. dann vergehen Stunden ohne sie auch nur im entferntesten zu registrieren.
Manchmal kurz vor einem erneuten Anfall panischer Verzweiflung ob der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, der man hier ausgesetzt ist, schaute ich rüber zu Monika. Eine stattliche Frau in den Dreißigern mit einer dieser unmodischen runden Kassengestellbrillen und kurzen Haaren, rostrot gefärbt und dem Pony eine Spur zu kurz, so dass einzelne Haare noch oben stehen, als würde die statische Aufladung der Decke sie nach oben ziehen. Sie trägt heute eines dieser ausladenden grauen XXL T-Shirts die es im Zehnerpack für zwölf Euro im Lebensmitteldiscount gibt, aber dennoch nicht das gesamte Ausmaß ihrer Oberweite verbergen können.
Ich schaue ihr ein bißchen beim arbeiten zu, mich trifft der Schlag. Was diese Frau da mit ihren puren Händen fertig bringt, hätte Bruce Lee, so fadenscheinig es auch klingen mag, es ist nun aber mal so, die Tränen der Verzweiflung in die Augen getrieben.
Rechnung lesen, scannen, Waren sortieren, spezifisches Päckchen wählen, nehmen, Tischkante, linke Handkante, zack, drehen 180°, Tischkante, Handkante, zack, Klebeband, rizsch, Zeug rein, scannen, Klebeband, rizsch, aufs Band, fertig ist der Lack. Und die angebrochene Minute hat noch 21 Sekunden bis zu ihrer Vollendung.
meinem Nachbarn und mir stehen die Münder auf. Wir schauen uns mit diesem stummen Blick des ratlosen Staunens an, wie zwei Sechsjährige die ein korpulierendes Pärchen im Gebüsch aufgestöbert haben. Irgendwie ist es seltsam, grotesk und unbegreiflich, aber nun ist es zu spät. Wir sind nun unwideruflich im Kreis der Eingeweihten.
Monika schien als Dank der Firma für ihr Lebenswerk einen Weiterbildungskurs bei den Shaolinmönchen geschenkt bekommen zu haben. Um dort die hohe Kunst des Falt-Kung-Fu’s zu erlernen. es scheint eine Mischung aus Origami und elegantem Töten ohne Waffen zu sein.
Ich frage mich leise in mich hinein, was Kung-Fu-Monika wohl in ihrer Freizeit macht, ob sie sich als Ninja verkleidet der Superheldengilde angeschlossen hat, das Böse zu bekämpfen? Oder vielleicht für eine geheime Verbrecherorganisation Schutzgeld erpresst? Einmal das Handkantenfaltspektakel vorgeführt und schon müsste jeglicher Widerstand gebrochen sein.
Die Pausensirene reißt mich unsanft aus dem Wust meiner Gedanken.
… to be continued